Komplexitätsökonomisches Denken

Komplexität ist in der Wirtschaftspresse seit einiger Zeit ein neues Modewort. Es wird sehr viel darüber geschrieben, wie sich die Wirtschaftswelt verändert hat und wie Manager mit Komplexität im Unternehmenskontext umgehen sollten. Eine Steigerung gegenüber der Wahrnehmung, dass Unternehmen und ihr Umfeld komplex sind ist, dass wir in einer VUCA-Welt leben, wobei VUCA für “volatility uncertainty complexity ambiguity” steht. VUCA wird in der Wirtschaftspresse als große Herausforderung für Führungskräfte gesehen
Dass VUCA eine wichtige Rolle in der Wirtschaft spielt, ist sicher richtig, ebenso wie die Feststellung, dass es schwierig ist, angemessen mit diesen Phänomenen umzugehen. Leider halten viele akademische Volkswirte dies nicht für eine wichtige Einsicht und tendieren dazu, sich ein wenig über das VUCA-Gerede lustig zu machen. Das mag daran liegen, dass die Managementgurus so oft neue Zeitalter ausrufen und diese mit schicken Buzzwords beschreiben, aber selten präzise definieren, was damit genau gemeint ist. Ich halte das für einen Fehler und denke, dass Ökonomen sich intensiver mit Unsicherheit und Komplexität auseinandersetzen sollten.
Auch wenn man in der Management-Presse und der Werbung für Coaching-Seminare viel Geschwafel findet, sind die dahinterstehenden Einsichten nicht falsch. Es gibt auch in der volkswirtschaftlichen Forschung zunehmend mehr Wissenschaftler, die sich intensiv mit Komplexität beschäftigen und das Zeitalter der Komplexitätsökonomik heraufziehen sehen (vgl. Colander et al., Arthur, Beinhocker).
Viele Konzepte aus der Komplexitätstheorie (complexity science, complexity theory), die sich mit komplexen (adaptiven) Systemen beschäftigt, lassen sich präzise mathematisch beschreiben. Genannt seien z.B. Unvorhersagbarkeit, Pfadabhängigkeit, Phasenübergänge und Bifurkationen. Mittlerweile gibt es auch schon ein mikroökonomisches Lehrbuch, das solche Konzepte formal behandelt und auf ökonomische Fragen anwendet.
Jedoch kennen die meisten Ökonomen diesen komplexitätsökonomischen Ansatz nicht. Interessanterweise enthält das vorzügliche Lehrbuch zum Wirtschaftswachstum von David Weil eine Vielzahl von Themen, die sehr gut mit einer komplexitätsökonomischer Sicht vereinbar sind. So diskutiert er in seinem Buch die zahlreichen Wechselwirkungen zwischen den herkömmlichen ökonomischen Konzepten Faktorakkumulation, technischer Fortschritt, Produktivität und Effizienz und traditionell eher nichtökonomischen Faktoren wie Fertilität, Korruption, soziopolitischer Instabilität und Kultur. Wie die vielen von Weil vorgestellten Fallstudien und ökonometrischen Studien zeigen, hat die empirische Forschungsliteratur entdeckt, dass all diese eher nicht-ökonomischen Phänomene wichtig für das Verständnis ökonomischer Zusammenhänge sind. Was dem Buch aber fehlt, ist ein integrierender theoretischer Rahmen. Die Komplexitätsökonomik könnte genau diesen bieten.
Worum geht es nun in der Komplexitätsökonomik? Sie verfolgt einen ganzheitlichen, nicht-reduktionistischen Ansatz und unterscheidet sich daher grundlegend von der in der VWL üblichen analytischen Vorgehensweise, Probleme und Systeme zu vereinfachen und ihre Komponenten zu untersuchen. Aber diese Beschreibung ist noch zu vage und hilft nicht wirklich zu verstehen, was die Komplexitätsökonomik ausmacht und wie sich komplexitätsökonomisches Denken vom neoklassischen Denken unterscheidet. Daher möchte ich ein paar Elemente des komplexitätsökonomischen Denkens kurz skizzieren. Viele dieser Elemente spielen auch in anderen Denkschulen, die als heterodox gelten, eine wichtige Rolle. Man könnte die Komplexitätsökonomik somit als eine Synthese vieler guter Ideen aus der Postkeynesianik, der Evolutorischen Ökonomik, der Institutionenökonomik, der Verhaltensökonomik, der Sozioökonomik und anderer Bereiche sehen.
Aus meiner Sicht sind die folgenden Prämissen zentral für komplexitätsökonomisches Denken:

  1. Die Welt ändert sich permanent. Innovationen und kreative Zerstörung führen zu einem Wandel von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen. Daher kann das betrachtete Wirtschaftssystem zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedliche Eigenschaften haben. Zugleich spielt die Geschichte eine Rolle, in dem bestimmte Entwicklungspfade gewählt wurden, die Auswirkungen auf weitere Veränderungen in der Zukunft haben. Es liegt also im allgemeinen Pfadabhängigkeit vor. Diese Gedanken finden sich auch in der Evolutorischen Ökonomik.
  2. Die Welt ist geprägt von fundamentaler oder radikaler Unsicherheit. Es ist also in vielen Fällen nicht möglich, Wahrscheinlichkeitsverteilungen über zukünftige Ereignisse anzugeben bzw. die möglicherweise eintretenden Ereignisse überhaupt vollständig zu erfassen. Unter fundamentaler Unsicherheit ist es nicht möglich rationale Erwartungen im Sinne der makroökonomischen Theorie zu bilden oder die Erwartungsnutzentheorie als Entscheidungsgrundlage zu verwenden. Die Erwartungsbildung und langfristige Entscheidungen von wirtschaftlichen Akteuren müssen daher anders modelliert werden als es in der neoklassischen Ökonomik geschieht. Keynes behauptete z.B., dass unternehmerische Entscheidungen häufig durch „animal spirits“ bestimmt werden und nicht durch ein rationales Abwägen von erwarteten Vorteilen und Kosten. Dieser Aspekt ist in der postkeynesianischen Literatur zentral.
  3. Institutionen sind wichtig für das Verständnis ökonomischer Zusammenhänge. Nach Douglass North sind Institutionen von Menschen gestaltete Beschränkungen, die politische, ökonomische und soziale Interaktionen strukturieren. Sie können sowohl aus informellen Beschränkungen bestehen (z.B. Tabus, Sitten, Traditionen) als auch als formalen Regeln (z.B. Gesetze, Eigentumsrechte). Institutionen sind nicht nur eine Beschränkung des Handlungsraums, sondern können auch Orientierung geben und die Koordination dezentraler Handlungen erleichtern. Auch sie verändern sich im Zeitablauf, manche schnell (Verträge, Gesetze), andere sehr langsam (Sitten, Kultur). Die (Neue) Institutionenökonomik untersucht diese Zusammenhänge.
  4. Menschen verhalten sich nicht immer rational, haben aber meist Gründe für ihr Verhalten. Das menschliche Verhalten wird durch eine Vielzahl kognitiver Faktoren und Prozesse beeinflusst. Dabei reagieren sie in vielen Fällen vorhersagbar auf Anreize und versuchen oft auch, planvoll und rational zu agieren. Jedoch ist ihre Rationalität beschränkt und wird häufig durch andere Einflüsse überlagert, z.B.  Emotionen oder Interaktionen mit anderen. Auch orientiert sich das Verhalten an moralischen Überzeugungen, wodurch Konflikte mit dem Eigennutz als Verhaltensmotivation entstehen können. Die Verhaltensökonomik hat mittlerweile ein recht differenziertes Bild vom menschlichen Verhalten und seinen Determinanten.
  5. Verschiedene Betrachtungsebenen haben unterschiedliche Eigenschaften und erfordern unterschiedliche Analysemodelle. In der Wirtschaftstheorie unterscheidet man für gewöhnlich die Mikroökononomie der einzelnen Haushalte und Unternehmen und die Makroökonomie der volkswirtschaftlichen Aggregate. Dazwischen gibt es auch die Mesoökonomie verschiedener Gruppen oder Kollektive. Ein Beispiel für unterschiedliche Eigenschaften auf der Mikro- und Makroebene ist, dass ein Haushalt ein Vermögen hat, aber keine Vermögensverteilung. Ein anderes Beispiel betrifft die Beschäftigung: In einer Rezession sinkt das aggregierte Arbeitsvolumen um einen prozentualen Anteil. Auf der Mikroebene verlieren aber viele Arbeiternehmer ihre Arbeit und arbeiten anschließend gar nicht mehr, während sich bei andere keine Veränderung ergibt. Wenn man die Eigenschaften auf der Mikroebene einfach auf die Makroebene überträgt, läuft man Gefahr, dem Trugschluss der Komposition zu unterliegen.
  6. Das Verhalten von ökonomischen Akteuren und damit auch die Reaktion auf ökonomische Stimuli sind kontextabhängig. Die Psychologie kennt viele Fälle, in denen sich eine Gruppendynamik auf Handlungen einzelner auswirkt. Nach der Prospektheorie beurteilen Menschen Gewinne und Verluste jeweils im Vergleich zu einem variablen Referenzpunkt. Die experimentelle Wirtschaftsforschung hat gezeigt, dass das Axiom der Unabhängigkeit von irrelevanten Alternativen, das eine der Grundlagen der Theorie des rationalen Entscheidens ist, häufig verletzt wird. Die Marketingforschung und Unternehmen kennen viele solcher Effekte und nutzen sie gezielt, um Konsumenten zum Kauf bestimmter Güter zu bewegen. Daraus folgt, dass ein ökonomisches Verhaltensmodell, das ein einfaches Reiz-Reaktions-Muster unterstellt und vom konkreten Entscheidungskontext abstrahiert, in vielen Fällen zu fehlerhaften Prognosen kommen wird.
  7. Ökonomische Zusammenhänge können isoliert von politischen und sozialen Faktoren nicht richtig verstanden und prognostiziert werden. Diese Aussage ist eigentlich eine Schlussfolgerung aus den zuvor erwähnten Prämissen. Aber da sie so zentral ist, habe ich sie abschließend noch einmal gesondert aufgelistet.

Die Relevanz dieser Sichtweise scheint mir angesichts der Ereignisse in Griechenland evident. Wer würde bestreiten wollen, dass es eine fundamentale Unsicherheit über den Ablauf der Krise gibt? Ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendjemand vor vier Wochen mit einem Referendum gerechnet hätte, bei dem dann eine Bevölkerungsmehrheit gegen weitere Sparauflagen gestimmt hat, die Regierung einige Tage darauf aber genau solche den Verhandlungspartnern angebietet und auch durch das Parlament bringt. Und wer würde eine seriöse Prognose über die Wahrscheinlichkeit eines Grexit und die dann zu erwartenden Folgen abgeben wollen? Es ist auch offensichtlich, dass man sowhl das Verhalten der griechischen Regierungen als auch das der internationalen Geldgeber nicht allein durch makroökonomische Kalküle, sondern mindestens ebenso sehr durch politische Überlegungen erklären muss. Und die Verschleppung von Strukturreformen, die in anderen Ländern möglich waren und zum Beispiel in den baltischen Staaten oder den osteuropäischen Transformationsländern zumindest teilweise bei der Verbesserung der makroökonomischen Lage halfen, muss vor dem Hintergrund der Institutionen in Griechenland gesehen werden. Viele Volkswirte, die in Banken oder anderen Organisationen angewandt arbeiten, wissen all dies und denken komplexitätsökonomisch. Aber in der akademischen Volkswirtschaftslehre ist diese Art zu denken und reale Probleme zu analysieren noch nicht verbreitet.

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  1. Johannes

    Unter 3. ist vermutlich Douglass North gemeint, oder?

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    1. MR (Post author)

      Ja, natürlich. Danke für den Hinweis.

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